Energieeffizienzfortschritt: Deutschland trotz hohem Niveau der Energieeffizienz und -politik lediglich im EU-Mittelfeld

21.4.2015

Erst 2014 wurde Deutschland in einem internationalen Vergleich zwischen den sechzehn größten Wirtschaftsräumen durch den amerikanischen Thinktank ACEEE zum »Weltmeister« gekürt. Studienergebnisse des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI im Rahmen des europäischen Projekts Odyssee-MURE für die europäische Kommission (Intelligent Energy Europe Programm), die gemeinsam mit der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz DENEFF der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, zeigen nun: Deutschland liegt zwar hinsichtlich des derzeitigen Stands der Energieeffizienz auf den vorderen Plätzen, aber bei den Effizienzfortschritten fällt es deutlich hinter die anderen Mitgliedstaaten der EU zurück. Der Energieeffizienzpolitik wird ein guter dritter Platz bescheinigt.

In der Bundespolitik galt die Vorreiterrolle Deutschlands bei der Energieeffizienz als unumstößlich. Detaillierte Untersuchungen des Fraunhofer ISI, welche auf der gestrigen Pressekonferenz im Fraunhofer-Forum Berlin vorgestellt wurden, zeigen jedoch: Zwar liegt Deutschland beim Stand der Energieeffizienz noch auf Platz 4; bei den Energieeffizienzfortschritten in den vergangenen Jahren stehen jedoch inzwischen andere europäische Länder an der Spitze – darunter Großbritannien, die Niederlande sowie einige mittel- und osteuropäische Mitgliedstaaten. Zwar war das Ausgangsniveau deutlich niedriger und der Nachholbedarf vieler dieser Länder deutlich höher, doch für den Erfolg der deutschen Energiewende wäre eine jährliche Verbesserungsrate von 2 Prozent im Jahr notwendig, statt den bisherigen durchschnittlichen 1 Prozent. Deutschland liegt hier unter dem EU-Durchschnitt von 1,3 Prozent und damit auf Platz 18.

Deutschland ist je nach Sektor unterschiedlich gut aufgestellt: Im Haushaltsektor steht Deutschland bei den Energieeffizienzfortschritten auf Platz 14, beim verarbeitenden Gewerbe auf Platz 24 und im Transportsektor auf Platz 5.

Bei der Charakterisierung der bisherigen Energieeffizienzpolitik schneidet Deutschland hingegen gut ab und liegt auf Platz 3 hinter Bulgarien und Kroatien.

Die aktuellen Ergebnisse gründen sich auf Basis des Energieeffizienzindex ODEX, der im EU-Projekt ODYSSEE-MURE, an dem das Fraunhofer ISI maßgeblich mitwirkt, erarbeitet wird. Das umfassende und spezifische Instrumentarium zur Messung von Energieeffizienzfortschritten in der EU und seinen Mitgliedstaaten macht ein fundiertes Energieeffizienz-Ranking der EU-Staaten möglich. Die Effizienzfortschritte in den verschiedenen Sektoren bündelt der ODEX in einen Gesamtindikator.

Vor allem im Industriesektor war die Entwicklung in Deutschland in den letzten 15 Jahren eher durch Strukturverschiebungen zu weniger energieintensiven Industrien gekennzeichnet als durch Effizienzfortschritte wie etwa die energetische Sanierung von Gebäuden und Industrieanlagen. »Ökonomische Potenziale für weitere Verbesserungen der Energieeffizienz sind durchaus vorhande«, so Dr. Wolfgang Eichhammer, Leiter des Competence Centers Energiepolitik und Energiemärkte am Fraunhofer ISI. »Bis 2030 könnte die Energienachfrage im Vergleich zu heute noch um 25 Prozent vermindert werden. Dies ist auch nötig, wenn bis Mitte des Jahrhunderts, wie im Energiekonzept gefordert, der Primärenergiebedarf halbiert werden soll. Hierzu bedarf es weiterer substantieller Anstrengungen der Politik.«

Auch Steven Nadel, Direktor des American Council for an Energy Efficient Economy ACEEE, welches letzten Sommer mit seiner internationalen »Score Card« den Spitzenplatz an Deutschland vergab, räumt ein: »Deutschland steht im Bereich Energieeffizienz vor allem im Vergleich zu anderen Ländern weltweit gut da. Insgesamt wurden von möglichen 100 Punkten aber nur 65 erreicht, auch wenn andere Länder schlechter abschnitten. Dies birgt deutliches Potenzial nach oben, wenn wir Deutschland in Sachen Energieeffizienz wirtschaftlich voranbringen wollen.«

Umso wichtiger ist es, dass die mit dem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) Ende Dezember 2014 beschlossenen Politikvorhaben schnell umgesetzt werden – sowohl aus Sicht der Wissenschaftler als auch deutscher Unternehmen, die als Anbieter von Energieeffizienzdienstleistungen und -produkten gut aufgestellt sind. Christian Noll, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF): »Die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands profitiert enorm von einer konsequenten Umsetzung der beschlossenen Energieeffizienzvorhaben – sowohl als Energieverbraucher als auch Anbieter von Energieeffizienzlösungen. Damit wir wieder Energieeffizienzweltmeister werden und es langfristig bleiben, braucht es aber eindeutig mehr Planungssicherheit und höchste politische Priorität für Energieeffizienz.«

Diese und ähnliche Themen werden auch auf den 3. Fraunhofer Energietagen, die sich in diesem Jahr um die »Energiewende am Industriestandort Deutschland« drehen, in mehreren Fachvorträgen behandelt.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI analysiert Entstehung und Auswirkungen von Innovationen. Wir erforschen die kurz- und langfristigen Entwicklungen von Innovationsprozessen und die gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien und Dienstleistungen. Auf dieser Grundlage stellen wir unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Handlungsempfehlungen und Perspektiven für wichtige Entscheidungen zur Verfügung. Unsere Expertise liegt in der fundierten wissenschaftlichen Kompetenz sowie einem interdisziplinären und systemischen Forschungsansatz.