Oberleitungs-Lkw: Elektrische Highways in Deutschland erfordern breite gesellschaftliche Akzeptanz

25. November 2020

Der Straßengüterverkehr in Deutschland basiert noch größtenteils auf Dieselantrieben. Das ist ein Problem für das Erreichen der Klimaziele. Effizienter und klimafreundlicher wären E-Systeme, wie Oberleitungs-Lkw, die ähnlich wie Fernzüge über eine Stromleitung angetrieben werden. Die Infrastruktur dahinter, der sogenannte eHighway, ist technisch heute schon umsetzbar; eHighway-Systeme würden sich heute bereits ökologisch und in einigen Jahren auch wirtschaftlich rechnen. Die Frage ist: Sind sie auch gesellschaftlich akzeptiert? Das Fraunhofer ISI diskutiert die Kernpunkte dieser Technologie nun in einem Policy Brief.

Insbesondere vielbefahrene Autobahnabschnitte in Deutschland müssten laut techno-ökonomischen Studien mit Oberleitungen ausgestattet werden, um die eHighway-Technologie bedarfsgerecht zu verbreiten. Das beträfe etwa 4 000 der rund 13 000 Autobahnkilometer in Deutschland. Käme der Strom darin aus Erneuerbaren Energien, würde dies die Klimabilanz des Straßengüterverkehrs enorm verbessern.

Gesellschaftliche Fragen wurden bisher nur wenig berücksichtigt, sind aber wichtig im Kontext der Durchsetzung von eHighway-Systemen, schreiben die Autorinnen Uta Burghard und Aline Scherrer vom Competence Center Energietechnologien und Energiesysteme im Policy Brief zur Verbreitung von eHighway-Systemen in Deutschland. Die gesellschaftliche Akzeptanz sowie Akteure rund um eHighway-Systeme werden im Rahmen der übergreifenden Begleitforschung, gefördert durch das Bundesumweltministerium, untersucht. Zudem werden die Fragen im Rahmen eines Online-Stakeholderdialogs in einem größeren Kreis diskutiert.

Gemeinsame Vision für eHighways existiert noch nicht

Für eine breite gesellschaftliche Unterstützung fehlt laut Policy Brief bislang die nötige Bekanntheit in Fachkreisen und der Bevölkerung. Organisationen, die sich mit eHighways beschäftigen, gibt es zwar immer mehr, allerdings meist nur auf lokaler Ebene. Eine bundesweite oder gar länderübergreifende, koordinierte Strategie, verstetigte Netzwerke zwischen Politik, Industrie und Forschung sowie eine gemeinsame Vision für eHighways existieren momentan noch nicht in ausreichendem Maße.

Zu klären ist auch, welche Vorbehalte in der Gesellschaft gegen die Technologie existieren und wie diese überwunden werden können. "Vor allem die optische Ähnlichkeit der Technologie mit dem Schienenverkehr ruft teilweise negative Emotionen hervor", schreiben die Autorinnen. Außerdem werde der finanzielle Aufwand für die Errichtung der Infrastruktur als "sehr hoch" wahrgenommen. Viele erwarten, dass der Aufbau der Infrastruktur zudem mit Verkehrsproblemen einhergehe.

Die Autorinnen empfehlen auf Basis ihrer Untersuchungen:

  • Die Vor- und Nachteile der Technologie klar und umfassend kommunizieren. Es muss gezielt auf wichtige Vorbehalte der Beteiligten vor Ort eingegangen und positive Effekte, wie weniger Lärm- und Schadstoffbelastung, besser vermittelt werden.
  • Planungssicherheit herstellen. An Feldversuchen beteiligte Speditionen zeigen großes Interesse an der Technologie, während sich nicht beteiligte Speditionen überwiegend abwartend zeigen. Diese Unternehmen brauchen Sicherheit bei der Planung und ein breiteres Angebot im Sinne eines echten Marktes, so dass in Zukunft Technologieentwicklung und -vermarktung durch mehr Unternehmen getragen werden.
  • Erfolgreiche Feldversuche und Wissensaufbau. Dies steigert die Bekanntheit von eHighways und verwandter Technologien in der Bevölkerung. Für die Erreichung der Klimaschutzziele im Güterverkehr reicht eine einzelne Technologie nicht aus. Es muss ein gewinnbringendes Nebeneinander aller schon heute verfügbaren Technologien erreicht werden.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI analysiert Entstehung und Auswirkungen von Innovationen. Wir erforschen die kurz- und langfristigen Entwicklungen von Innovationsprozessen und die gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien und Dienstleistungen. Auf dieser Grundlage stellen wir unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Handlungsempfehlungen und Perspektiven für wichtige Entscheidungen zur Verfügung. Unsere Expertise liegt in der fundierten wissenschaftlichen Kompetenz sowie einem interdisziplinären und systemischen Forschungsansatz.