Wie kann Europas KI-Zukunft aussehen?

von Bernd Beckert und Kerstin Cuhls /

Im Rahmen des Projekts »Foresight on Demand« haben Vertreter:innnen der Europäischen Kommission zusammen mit Expert:innen Szenarien für Künstliche Intelligenz in Europa im Jahr 2040 erstellt. Prof. Dr. Kerstin Cuhls ist Zukunftsforscherin hat den Szenario-Prozess organisiert. Im Gespräch mit Dr. Bernd Beckert erläutert sie die Ergebnisse.

In einem strukturierten Szenario-Prozess habt ihr mit Expert:innen über die Zukunft von Künstlicher Intelligenz in Europa gesprochen. Das Ergebnis eurer Szenario-Sprints sind fünf Szenarien. In drei dieser Szenarien schafft Europa den KI-Anschluss. Was sind die Voraussetzungen dafür?

Allen drei erfolgreichen Szenarien ist gemein, dass sie nicht von selbst eintreten, sondern auf erheblichen Anstrengungen beruhen. Dies umfasst entweder gezielte Forschungsförderung für völlig neue technische Ansätze, massive Investitionen in die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit von KI nach einem »Aufrüttler« oder den großflächigen Ausbau von Infrastruktur und Ausbildung.

Beginnen wir mit dem ambitioniertesten Szenario, in dem Europa nicht nur aufholt, sondern die globale Führungsrolle übernimmt: »Europe Leads a unique AI Revolution«.

Dieses Szenario beschreibt eine Welt im Jahr 2040, in der EU-Unternehmen innovativer sind als Unternehmen in anderen Weltregionen. Sie haben es geschafft, die großen KI-Zentren USA und China mit neuer Technik und einzelnen kostengünstigen und datensparenden Ansätzen zu überholen.

Grund dafür: Die Tech-Riesen haben bis dahin ganz und gar auf generative KI gesetzt und Milliarden in ihre Large Language Models investiert. Dadurch sind sie auf diesen Technologiepfad festgelegt. Währenddessen hat Europa durch gezielte Forschungsförderung und kreative Forscher:innen ganz neue technische Ansätze entwickelt, die nicht ausschließlich auf Wahrscheinlichkeiten basieren.

Generative KI ist bekanntlich nicht die einzige KI-Technologie, es gibt noch viele andere, beispielsweise prädiktive KI, hybride KI, embodied AI oder State Space Models. Im Szenario wurde nicht festgelegt, um welche KI-Technologien oder Methodenkombinationen es sich genau handelt, aber die an den Szenarien beteiligten Expert:innen gehen bei diesem Szenario von einem europäischen Technologieschub aus, der zur Eintrittskarte für die globale Spitze wird.

Das zweite Szenario, »The EU Safety First Payoff in the Long Run«, setzt auf eine ganz andere Stärke: Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit. Was sind die Voraussetzungen für dieses Szenario?

Das Szenario beginnt mit einem KI-Unfall. Die Details sind bewusst offengehalten, aber dieser Vorfall dient als Aufrüttler: Etwas Gravierendes ist passiert, KI steht plötzlich in vollem Umfang zur Disposition. Die Öffentlichkeit ist dadurch sensibilisiert und fordert »Safety First« – und zwar in der Breite von den Entwickler:innen bis hin zu den Anwender:innen.

Dies führt zu massiven Investitionen in Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit von KI. So kann sich sichere KI nach und nach in Nischen und darüber hinaus etablieren. Der europäische Ansatz zahlt sich langfristig aus, deshalb »Payoff in the Long Run«.

Eine wichtige Rolle spielt hierbei die vertikale Nutzung von KI. Dabei wird KI für verschiedene Anwendungen, Themenfelder oder Bereiche spezifiziert, im Gegensatz zur horizontalen KI, die alles können soll und in allen Anwendungsfeldern gleichermaßen eingesetzt wird.

Das dritte Szenario setzt auf kontinuierliche Anstrengungen: »A rearmed EU among the frontrunners in the global AI race«. Worum geht es hier?

In diesem Szenario schließt Europa durch Investitionen vor allem in militärische Zwecke zur globalen Spitzengruppe auf. Der Erfolg basiert darauf, dass wir in der EU bis 2040 massiv in Infrastruktur und Ausbildung investiert haben.

Es ist das Szenario, bei dem sich Europa im Bereich der militärischen Aufrüstung mit entsprechenden Investitionen den Anschluss an die Führenden erarbeitet.

Bleiben noch zwei Szenarien übrig. Das vierte Szenario, »EU attached to Transnational Global AGI and ASI Networks«, scheint das Ziel einer eigenen Führung aufzugeben und stattdessen auf internationale Kollaboration zu setzen.

Genau. Dieses Szenario konzentriert sich auf Künstliche Allgemeine Intelligenz (AGI) und Künstliche Superintelligenz (ASI). Beide Begriffe bezeichnen einen Zustand, in dem Künstliche Intelligenz es mit der menschlichen Intelligenz und ihrem Orientierungsvermögen in der Welt aufnehmen kann. Während AGI darauf abzielt, menschliche Intelligenz zu erreichen, übertrifft ASI diese bei weitem. In diesem Szenario führt niemand mehr, sondern die Künstlichen Intelligenzen entscheiden teilweise selbst. Sie gehören jedoch großen Unternehmen, die von ihnen profitieren.

Die EU ist nur angehängt, also »attached«, profitiert von Vorarbeiten, die anderswo geleistet werden. Sie nutzt AGI- und ASI-Services zum eigenen Vorteil und zur Entwicklung eigener attraktiver Services, insbesondere im Bildungsbereich. In diesem Szenario ist die Frage der KI-Führerschaft nicht mehr zentral, denn bei sich verselbstständigender KI ist es letztlich egal, woher sie kommt.

Und das letzte, das negative Szenario?

Das fünfte Szenario heißt »The Global AI Winter«. In diesem Szenario ist der KI-Boom bereits vor 2040 vorbei, weil sich die hohen Erwartungen an KI nicht erfüllt haben.

Zentral ist hier, dass es nicht gelungen ist, KI-Halluzinationen in den Griff zu bekommen. Geschäftskritische Prozesse brauchen aber robuste Systeme und verlässliche Ergebnisse. KI-Tools und KI-Agenten konnten in diesem Szenario nicht effizient in Geschäftsprozesse integriert werden, auch immer leistungsfähigere KI-Rechenzentren konnten die grundlegende Schwachstelle von generativer KI nicht beseitigen.

In der Folge platzte die Investitionsblase und es kam zu einem globalen Börsencrash. Die Enttäuschungen haben dazu geführt, dass die KI-Forschung wieder neu ansetzen musste und Fördergeld in andere Felder investiert wurde.

Neben diesen globalen Machtverschiebungen ist die Frage nach dem Innovationspotenzial von KI entscheidend für Europas Zukunft. Viele sagen, KI bedeute langfristig das Ende von Innovationen, weil immer nur bereits Vorhandenes kombiniert wird, KI könne also gar nicht kreativ sein und nichts originär Neues schaffen. Wie siehst du das?

Diese Befürchtung ist sehr präsent. Die Argumentation lautet: KI wurde auf Basis von bereits existierenden Informationen trainiert. Wenn sie sich bei neuen Trainings wiederum an diesen bereits existierenden Dingen – die teils sogar von KI erstellt wurden – bedient, wäre dies das Ende von Innovationen.

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise: Menschen sind in ihren Kapazitäten begrenzt und können nicht alle möglichen Kombinationen durcharbeiten. KI hingegen kann extrem viele Möglichkeiten ausgeben. So kann uns die KI Ansätze präsentieren, die wir selbst weiterentwickeln, sie kann uns als Sparringspartner originellen Input für Innovationen liefern, sie kann uns auf Ideen bringen, auf die wir sonst nicht gekommen wären. Wir können die KI sogar anweisen, ungewöhnliche Bezüge herzustellen, Konzepte aus bestimmten Bereichen zu übertragen oder Unschärfen zuzulassen – alles Strategien, wie wir normalerweise auf neue Ideen kommen. KI muss die Innovation also nicht direkt generieren, kann aber die Anstöße dazu liefern.

In bestimmten Wissenschaftsbereichen kann die KI durch ihre unermüdlichen Rekombinationen auch zur Beschleunigung von Innovationen beitragen: Beispielsweise können Forscher:innen in automatisierten Laboren die KI anweisen, viele Varianten tausendfach durchzuspielen. Insbesondere in der Chemie, in der Materialbranche, im medizinischen Bereich und in der Pharmazie kann das zu neuen Erkenntnissen führen.

Allerdings hat die automatisierte Wissenschaft Grenzen, nämlich dort, wo es nicht um klassische Zahlen, Daten und Fakten in klar abgrenzbaren Bereichen geht, sondern um Zusammenhänge, die zwischen den Zeilen stehen, wie es oft bei Texten der Fall ist. Hier hilft uns die KI oft nicht weiter.

Bei der Frage, wie KI und Innovationen zusammenhängen, war in allen unseren Diskussionen klar: Der Mensch muss an den entscheidenden Stellen weitermachen.

Vielen Dank für dieses Gespräch. 

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