Nationaler Radverkehrsplan: Wie wird Deutschland bis 2030 zum Fahrradland?

27. April 2021

Im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) haben das Fraunhofer ISI und die PTV Group unter Koordination der ifok GmbH an der Erarbeitung des Nationalen Radverkehrsplans 3.0 maßgeblich mitgewirkt. In einem Dialogforum wurden dabei Ansätze für die weitere Radverkehrsförderung in Deutschland entwickelt, die in den Radverkehrsplan eingeflossen sind und das Land bis 2030 zu einem Fahrradland machen sollen. Der Plan wird heute beim Nationalen Radverkehrskongress (NRVK) durch Bundesminister Andreas Scheuer vorgestellt.

Mehr mit dem Fahrrad und dabei insgesamt längere zurückgelegte Wege, eine stärkere geplante Nutzung von Fahrrädern sowie deutlich weniger Tote und Verletzte dank einer sicheren Infrastruktur – diese und andere wichtige Ziele benennt der Nationale Radverkehrsplan (NRVP) 3.0. Damit diese Ziele bis 2030 auch umgesetzt werden, entwickelten Expert:innen verschiedenster Bereiche in einem von der ifok GmbH organisierten und von der PTV Group und dem Fraunhofer ISI wissenschaftlich begleiteten Dialogforum Ansätze für eine weitergehende Radverkehrsförderung. Dabei wurden wichtige Leitziele des Bundes sowie Themen, die auch über eine zuvor organisierte Online-Bürgerbeteiligung eingereicht werden konnten, diskutiert und im Nationalen Radverkehrsplan 3.0 berücksichtigt.

Breite Umsetzung der Konzepte und Maßnahmen für einen guten Radverkehr

Mit diesem breiten und offenen Dialogprozess, der Formulierung konkreter und messbarer Ziele sowie der klaren Benennung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu deren Erreichung hebt sich der NRVP 3.0 von seinen Vorgängern ab. »Wir kennen die Konzepte und Maßnahmen für einen guten Radverkehr mittlerweile sehr gut, jetzt ist es an der Zeit diese zügig in die breite Umsetzung zu bringen« sagt Dr. Claus Doll, der die wissenschaftliche Begleitung des nationalen Radverkehrsplans 3.0 seitens des Fraunhofer ISI maßgeblich begleitet hat.

Das Dialogforum hat dabei folgende Grundsätze einer aktiven Radverkehrsförderung identifiziert: Zunächst braucht es einen politischen und gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, damit sich die mit dem Rad zurückgelegten Kilometer in Deutschland bis 2030 gegenüber 2017 mehr als verdoppeln können. Dazu gehört auch, die Verkehrspolitik und -planung neu und integriert über einzelne Disziplinen hinweg zu denken, um den durch die Corona-Pandemie hervorgerufenen, nachhaltigen Mobilitätstrend zu verstetigen. Ein lückenloser und sicherer Radverkehr durch eine optimierte Radverkehrsinfrastruktur, etwa über mehr Radschnellverbindungen und sichere Knotenpunkte sowie gut zugängliche und hochwertige Abstellmöglichkeiten an zentralen Orten spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Mehr Radverkehr stärkt Klima- und Umweltziele – und die Fahrradwirtschaft

Damit das Fahrrad in Zukunft in allen Bevölkerungsgruppen als selbstverständliches Alltagsverkehrsmittel genutzt wird, sind zudem Aufklärungsarbeit über den gesundheitlichen Nutzen des Radfahrens sowie Mobilitätsbildung wichtig – insbesondere auch bei Kindern und Jugendlichen, um diese schon früh für das Radfahren zu begeistern. Gelingt dies, kann auch die Fahrradwirtschaft in Deutschland hiervon profitieren: Durch innovative Produkte und Dienstleistungen im Fahrradbereich, aber auch durch einen verstärkten Radtourismus, neue Logistikkonzepte und eine Förderung des Fahrrads als ideales Pendler:innen-Verkehrsmittel profitiert insgesamt auch der Wirtschaftsstandort Deutschland. Nicht zuletzt trägt der Ausbau des emissionsfreien Radverkehrs auch zur Erreichung der nationalen Umwelt- und Klimaschutzziele sowie der Nachhaltigkeitssiele der Vereinten Nationen bei.

Neben diesen Grundsätzen einer aktiven Radverkehrsförderung formuliert der nationale Radverkehrsplan über die vier Säulen »Fahrrad&Politik«, »Fahrrad&Infrastruktur«, »Fahrrad&Mensch« und »Fahrrad&Wirtschaft« sowie über zwei Aktionsfelder konkrete Ziele und Maßnahmen, um die genannten Leitziele zu erreichen. Zum einen müssen sowohl der städtische wie der ländliche Raum mitgedacht werden, damit der Radverkehr mittels einer entsprechenden Stadt- bzw. Siedlungsentwicklung einen Aufschwung erleben kann, wobei hochwertige Infrastrukturen eine Schlüsselrolle spielen. Des Weiteren gilt es moderne Technologien und digitale Lösungen im Sinne eines zukunftsfähigen und vernetzten Radverkehrs einzusetzen und insbesondere flächendeckend aktuelle Daten zur Radverkehrsplanung zur Verfügung zu stellen, was Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Komfort des Radverkehrs verbessert.

Radverkehrsplan im Sinne ‚lernender Systeme‘ an Veränderungen anpassen

Dr. Claus Doll ergänzt: »Die sich wandelnden Rahmenbedingungen des Radverkehrs sollten genau wie neue Technologien stetig im Auge behalten und die Maßnahmen des Nationalen Radverkehrsplanes regional und bundesweit offen evaluiert und bei Bedarf angepasst und nachjustiert werden – ganz im Sinne eines ‚lernenden Systems‘. So wird gewährleistet, dass sich der Radverkehr in Deutschland weiterentwickeln und das Fahrrad das zentrale Verkehrsmittel einer nachhaltigen Mobilitätswende werden kann.«
 

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