Strukturwandel braucht belastbare Entscheidungsgrundlagen
Strukturwandelprozesse reichen weit über einzelne Projekte hinaus. Sie betreffen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sozialen Zusammenhalt und die Fähigkeit, neue Entwicklungspfade zu erschließen. In Sachsen zeigt sich das besonders deutlich. Der Kohleausstieg löste hier nach dem Strukturbruch der 1990er Jahre eine zweite große Transformation aus. Der Bund fördert diesen Wandel zwar mit mehreren Milliarden Euro, doch zugleich prägen komplexe Interessenslagen, Unsicherheiten und eine fehlende Übersicht über Zeitpläne und Zukunftsperspektiven die ehemaligen Braunkohlereviere. Genau deshalb braucht es Orientierung, Transparenz und nachvollziehbare Entscheidungsprozesse, zum Beispiel durch digitale Zwillinge.
Digitale Zwillinge: Viel genutzt, aber am falschen Ende?
Auf Grundlage einer systematischen Untersuchung von 60 bestehenden digitalen Zwillingen haben wir im vorliegenden Impulspapier drei dominante Funktionslogiken identifiziert:
- Monitoring und Visualisierung (am häufigsten): Sie machen räumliche Strukturen und Zustände sichtbar.
- Analytik und Bewertung: Sie liefern Auswertungen zu Risiken und Potenzialen, meist thematisch fokussiert.
- Simulation und Szenarien (selten): Sie ermöglichen echte Vorhersage- und Szenariofunktionen, die für die strategische Steuerung im Strukturwandel besonders relevant wären.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass viele digitale Zwillinge derzeit vor allem operative Aufgaben unterstützen und Transparenz schaffen. Die komplexen wirtschaftlichen, sozialen und innovationsbezogenen Dynamiken eines Strukturwandels bilden sie jedoch nicht ab. Das Potenzial digitaler Zwillinge für die politische Steuerung regionaler Transformationsprozesse – insbesondere im Kontext des Strukturwandels – bleibt deshalb weitgehend ungenutzt.
Der hybride Zwilling
Unsere Analyse macht deutlich: Für den Strukturwandel entscheidende Daten sind oft nicht integriert. Das betrifft Informationen zu Wertschöpfung, Arbeitsmarkt und Fachkräften, zu Innovationsaktivitäten oder sozialen Indikatoren. Viele digitale Zwillinge bilden vor allem den räumlich-technischen Zustand ab. Die eigentlichen Transformationsprozesse, die für die politische Steuerung zentral wären, bleiben außen vor.
Im Impulspapier zeigen wir, dass deshalb statistische Zwillinge eine wichtige Ergänzung bieten können – besonders für großräumige, heterogene Regionen mit begrenzter Echtzeit-Datenlage. Wir kommen zu dem Schluss, dass sich Transformationsprozesse erst durch hybride Zwillinge umfassend und evidenzbasiert unterstützen lassen. Unter einem hybriden Zwilling verstehen wir die Verbindung räumlich-technischer digitaler Zwillinge mit statistischen und systemischen Modellen, die zusammen ein ganzheitlicheres, datenbasiertes Verständnis ermöglichen.
Was das für Politik und Regionen bedeutet
Digitale Zwillinge können Transparenz stärken, komplexe Entwicklungen sichtbar machen und Entscheidungen nachvollziehbarer gestalten. Das gilt etwa bei der Prüfung von Fördermaßnahmen, der Priorisierung von Investitionen oder der Bewertung von Klima-, Mobilitäts- und Infrastrukturmaßnahmen. Damit sie künftig auch strategische Transformationsprozesse abbilden können, müssen Datenintegration, Interoperabilität und Governance-Strukturen weiterentwickelt werden. Gleichzeitig sollten sozioökonomische Daten stärker eingebunden werden, um ein vollständigeres Bild regionaler Dynamiken zu erhalten.