Ein Überblick über die Aktivitäten im Kohleausstieg
Bis spätestens 2038 wird in Deutschland die Kohleverstromung beendet und somit der Kohleausstieg vollzogen. Diese Entscheidung basiert auf der Empfehlung der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (sogenannte Kohlekommission), die im Januar 2019 einen entsprechenden Bericht vorlegte. Um die Folgen des Ausstiegs in den betroffenen Regionen abzumildern und den Kohleregionen die Chance zu bieten, nach dem Ausstieg besser dazustehen als davor, wurde im Sommer 2020 das Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen (StStG) verabschiedet. Dieses schafft den Rahmen für das Investitionsgesetz Kohleregionen (InvKG), welches finanzielle Strukturförderung (insgesamt ca. 41 Milliarden Euro) in besonders betroffenen Regionen regelt, um den Strukturwandel sozial verträglich und nachhaltig zu gestalten.
Auf Sachsen entfallen insgesamt ca. 10 Milliarden Euro (ca. 25 Prozent des InvKG-Gesamtvolumens), die in das Mitteldeutsche Revier und in das Lausitzer Revier investiert werden. Obwohl die Mittel in ein breites Spektrum von Investitionsbereichen fließen, investieren der Bund und das Land Sachsen stark in den Bereich Forschung und Wissenschaft. Die Mittel werden einerseits in den Ausbau und die Stärkung bestehender Einrichtungen und andererseits in die Gründung und Ansiedlung neuer Einrichtungen investiert. Letzteres zeigt sich beispielsweise in der Gründung von zwei Großforschungseinrichtungen mit Standorten in Sachsen und Sachsen-Anhalt: dem Center for the Transformation of Chemistry (CTC) im Mitteldeutschen Revier und dem Deutschen Zentrum für Astrophysik (DZA) im Lausitzer Revier. Beide Großforschungszentren wurden im Wettbewerb Wissen schafft Perspektiven für die Region! aus einer Vielzahl von Vorschlägen im November 2022 ausgewählt. Für den Aufbau und den Betrieb erhalten sie über die nächsten 15 Jahre voraussichtlich 1,1 Milliarden Euro aus dem Bundes- und Landeshaushalt. Außerdem haben beide Akteure (und das ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig zu betonen) den ausdrücklichen Auftrag und das Ziel, neben der wissenschaftlichen Strahlkraft auch eine regionale Wirkung zu entfalten, indem sie den Strukturwandel mitprägen.
Neue Fragestellungen zu den Großforschungszentren im Mitteldeutschen und Lausitzer Revier
Immer wenn Akteure – über eine Ansiedlung oder eine Gründung – neu in eine Region kommen, stellt sich unwegerlich die Frage, wie sich diese Akteure in der Region positionieren und verankern. Die Relevanz der Frage steigt, wenn ressourcenstarke Akteure langfristig als Impulsgeber für Veränderungen in der Region (wie bei diesen beiden Großforschungszentren) angesiedelt werden. Spannend ist in diesem Fall außerdem, dass die Akteure zwar viele Gemeinsamkeiten aufweisen (Auswahlprozess, Zielsetzung, Budget und Zeitschiene), allerdings in zwei sehr unterschiedlichen Regionen entstehen. Das Mitteldeutsche Revier ist nicht nur eine Metropolregion rund um die Städte Leipzig/Halle, sondern hat außerdem eine lange Tradition im Bereich Chemie. Das Lausitzer Revier, auf der anderen Seite, ist eine strukturschwache Region ohne viele Anknüpfungspunkte im Bereich der Astrophysik.
Vor diesem Hintergrund stellen sich zwei Fragen:
- Wie genau unterscheiden sich diese Regionen?
- Welche Ansätze lassen sich, bereits in dieser frühen Phase der Großforschungszentren, hinsichtlich der Verankerungsbemühungen erkennen?
Die Herangehensweise und Antworten auf diese Fragen haben wir in einem kurzen Impulspapier zusammengefasst. Ausdrücklich versteht sich das Impulspapier nicht als Bewertung oder Evaluation der Großforschungszentren (beides wäre viel zu früh), sondern als Beitrag zur übergeordneten Diskussion über den wissenschaftsgetriebenen Strukturwandel in Sachsen.
Einordnung des verfassten Impulses
Bevor Sie mit der Lektüre des Impulspapiers starten, möchten wir gerne einordnen, warum wir uns diesen beiden Fragestellungen widmen: Erstens ist die Gründung von Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen ein aktueller und relevanter innovationspolitischer Ansatz für den Strukturwandel. Das Verständnis dieser neuen zentralen Akteure ist eine zentrale Säule in der Transformationsdynamik der Reviere. Zweitens bietet dieser wissenschaftspolitisch konsequente Ansatz für das GENESIS*-Projekt, mit seiner revierübergreifenden Perspektive, die Chance, aus diesem für andere Interventionen zu lernen, die Ausgangssituationen der Reviere und die Ansätze der beiden Akteure zu untersuchen. Hierfür kombiniert GENESIS Kontextwissen, die datenbasierte Identifikation von Akteuren, Netzwerke und Themen mit explorativen Erhebungsmethoden, um Erkenntnisse für die politische Steuerung der regionalen Transformation zu gewinnen.
*GENESIS steht für »Gestaltung Neuer Entwicklungspfade im Strukturwandel in Sachsen«.