Gemeinschaftliche Wärmewende: Potenziale für Wärmenetzgemeinschaften in Deutschland

von Anna Billerbeck, Felix Kleff und Barbara Breitschopf /

Wie groß ist das Potenzial für Wärmenetzgemeinschaften in Deutschland? Ergebnisse einer Studie des Fraunhofer ISI zeigen: Gemeinschaftlich beziehungsweise genossenschaftlich organisierte Wärmenetze können bis zu 9 Prozent des Marktes für Heizung und Warmwasser abdecken und somit einen substanziellen Beitrag zur Wärmewende leisten. Und sie können noch mehr: Sie mobilisieren Kapital bei Bürger:innen, tragen zur Beschleunigung der Wärmewende bei und ermöglichen eine unabhängige, lokale und saubere Wärmeversorgung.

Wärmenetze als Schlüssel zur Klimaneutralität

Ein wesentlicher Baustein zum Erreichen der Klimaneutralität im Wärmesektor sind Wärmenetze. Bis 2045 könnten sie rund ein Drittel aller Wohnungen in Deutschland versorgen (vgl. Agora Energiewende, 2024). Dafür ist jedoch ein deutlicher Ausbau der Wärmenetzinfrastruktur erforderlich. Zudem muss die Wärmeerzeugung flächendeckend auf Erneuerbare Energien umgestellt werden, wobei insbesondere der Ausbau von Großwärmepumpen eine zentrale Rolle spielt.

Die dafür notwendigen Investitionen übersteigen jedoch den finanziellen Spielraum vieler Akteur:innen. Kommunen können die erforderlichen Mittel häufig nicht allein aufbringen. Gleichzeitig zeigen sich Banken bei der Finanzierung von Wärmenetzprojekten noch zurückhaltend, da es sich um langfristige, kapitalintensive Infrastrukturvorhaben mit komplexen Risikoprofilen handelt. Instrumente wie die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) oder der Deutschlandfonds setzen hier an und bieten Unterstützung, dennoch müssen die Investitionen in Wärmenetze angesichts der ambitionierten Klima- und Energieziele zügig angegangen werden.

Wärmenetzgemeinschaften: Ein gemeinschaftlicher Ansatz

In diesem Kontext rücken Wärmenetzgemeinschaften als gemeinschaftlicher Organisationsansatz in den Fokus. Dabei handelt es sich um Energiegemeinschaften oder Genossenschaften im Bereich der Wärmeversorgung. Ihr Zweck ist nicht die Gewinnerzielung, sondern die gemeinschaftliche Versorgung, Speicherung und Verteilung von Wärme über Wärmenetze – mit einem klaren Fokus auf dem Gemeinwohl.

© Fraunhofer ISI
Potenziale für Wärmegemeinschaften in Deutschland

Mit einer wissenschaftlichen Hintergrundstudie für den DGRV (Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e. V.) haben wir vom Fraunhofer ISI das Potenzial für solche vorwiegend genossenschaftlich organisierten Wärmenetze in Deutschland beziffert und eingeordnet. Die Potenzialabschätzung orientiert sich an der zentralen Fragestellung: Wo könnten Wärmenetzgemeinschaften betrieben werden, basierend auf der zukünftig erwartbaren Wärmenachfrage in den jeweiligen Gebieten?

Das nachfrageseitige Potenzial für Wärmenetzgemeinschaften

Zur Quantifizierung des Potenzials haben wir die zukünftige Wärmenachfrage von Gebäuden im Jahr 2050 analysiert. Die entscheidende Kennzahl ist die Wärmedichte: Megawattstunde pro Hektar und Jahr (MWh/ha a). Für die Potenzialanalyse haben wir drei Wärmedichtekategorien abgeleitet:

  • »Verdichtet« (mehr als 350 MWh/ha·a)
  • »Teilverdichtet« (150–350 MWh/ha·a)
  • »Grenznachfrage« (100–150 MWh/ha·a)

Zwei Szenarien bilden die Bandbreite der Gebäudesanierung ab: das Basisszenario mit einer Sanierungsrate von etwa 1,3 Prozent und das Effiziente-Gebäude-Szenario mit etwa 1,6 Prozent. Da die Sanierungsrate in Deutschland historisch stagniert, setzen beide Szenarien ambitionierte Sanierungsraten voraus.

Das auf dieser Basis ermittelte, nachfrageseitige Potenzial für Wärmenetzgemeinschaften in Deutschland liegt bei 44,3 Terawattstunden (TWh) im Basisszenario und 38,3 TWh im Effiziente-Gebäude-Szenario. Hierbei haben wir angenommen, dass 20 Prozent der Wärmenetzprojekte in den Potenzialgebieten tatsächlich umgesetzt werden und in diesen Projekten eine Anschlussrate von 70 Prozent erreicht wird.

Dem Potenzial steht eine zukünftige Gesamtnachfrage für Raumwärme und Warmwasser in Deutschland von 480 TWh im Basisszenario beziehungsweise 430 TWh im Effiziente-Gebäude-Szenario gegenüber. Das ermittelte Potenzial entspricht somit einem möglichen Marktanteil von etwa 9 Prozent. Zum Vergleich: Szenariostudien beziffern den zukünftigen Fernwärmeanteil durch »konventionelle« Wärmenetze auf 5 bis über 30 Prozent. Die Ergebnisse verdeutlichen daher den möglichen substanziellen Beitrag von Wärmenetzgemeinschaften zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung.

Ein besonders relevantes Segment für Wärmenetzgemeinschaften sind Kleinstädte, Vorstädte und ländliche Siedlungen aus der Kategorie »Teilverdichtet«. Die dort typische Wärmedichte von 150 bis 350 MWh/ha·a repräsentiert etwa 70 Prozent der zukünftigen Gesamtwärmenachfrage des Gebäudesektors. Dieses Segment bietet daher ideale Voraussetzungen für genossenschaftliche Wärmenetzstrukturen.

© Fraunhofer ISI, OpenStreetMap
Potenziale für Wärmenetzgemeinschaften (bei 20% Umsetzung und 70% Anschlussrate) in TWh pro Jahr im Basisszenario in den Bundesländern.

Potenzial in den Bundesländern

In allen Bundesländern besteht ein Potenzial für Wärmenetzgemeinschaften (vgl. Abbildung). Die bevölkerungsreichsten Flächenländer Nordrhein-Westfalen (10,1 TWh), Bayern (7,7 TWh) und Baden-Württemberg (6,6 TWh) weisen im Basisszenario die höchsten Werte auf, während die Stadtstaaten Bremen (0,2 TWh), Hamburg (0,3 TWh) und Berlin (0,5 TWh) die geringsten Potenziale zeigen.

Investitionsbedarf und Finanzierung

Um das identifizierte Potenzial zu erschließen, sind hohe Investitionen notwendig. Die Abschätzung dieser Investitionen ist mit zahlreichen Unsicherheiten verbunden, beispielsweise hinsichtlich des tatsächlichen Ausbaus und der projektspezifischen Investitionen. Unter vereinfachten Annahmen wären Investitionen zwischen 61 und 98 Milliarden Euro im Basisszenario und zwischen 53 und 85 Milliarden Euro im Effiziente-Gebäude-Szenario erforderlich. Diese Spanne ergibt sich aus spezifischen Investitionskosten zwischen 1,4 und 2,2 Milliarden Euro/TWh für Netzinfrastruktur, Erzeugungsanlagen, Wärmespeicher, Hausanschlüsse etc.

Je nach Finanzierungskonzept könnten Wärmenetzgemeinschaften dabei Eigenkapital von 14 bis 42 Milliarden Euro im Basisszenario beziehungsweise von 12 bis 37 Milliarden Euro im Effiziente-Gebäude-Szenario bereitstellen, was Eigenkapitalanteilen von 23 bis 43 Prozent entspricht. Auch dieser Wert ist als orientierende Abschätzung zu verstehen. Neben Eigenkapital wird zur Finanzierung der Projekte eigenkapitalähnliches Kapital (zum Beispiel Nachrangdarlehen), die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) und Fremdkapital eingesetzt.

Unterstützung und Partizipation als Stärke

Umfragen des Fraunhofer ISI zeigen, dass 61 Prozent der Haushalte in Deutschland Wärmenetzen positiv gegenüberstehen und 49 Prozent sich bei einem anstehenden Heizungstausch an ein Wärmenetz anschließen würden. Das Streben nach einer unabhängigen, selbstbestimmten, lokalen und preisstabilen Energieversorgung ist für Bürger:innen der wichtigste Grund, sich an einer Wärmenetzgemeinschaft zu beteiligen (vgl. Breitschopf/Billerbeck, 2024 sowie Breitschopf/Burghard, 2023). Genossenschaftliche Strukturen adressieren dieses Bedürfnis durch Mitbestimmung und lokale Verankerung besonders gut.

Darüber hinaus können Wärmenetzgemeinschaften Kommunen bei der Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung unterstützen: Sie mobilisieren privates Kapital durch den Erwerb von Mitgliedsanteilen, Mitgliedsdarlehen sowie Anschlussgebühren und ermöglichen bei entsprechender Ausgestaltung sozialverträgliche Wärmetarife. Sie erreichen hohe Anschlussquoten und erhöhen damit die Wirtschaftlichkeit der Wärmenetze sowie die Unterstützung für die Wärmewende vor Ort. Umgekehrt können Kommunen die Gründung von Wärmenetzgemeinschaften etwa durch Unterstützung lokaler Netzwerke sowie durch eine finanzielle Beteiligung fördern.

Schlussfolgerungen und Handlungsbedarf

Wärmenetzgemeinschaften können laut unserer Studie einen wichtigen Beitrag zur Energie- und Wärmewende leisten. Sie erschließen Potenziale, die klassische Wärmenetzbetreiber allein nicht erschließen können, insbesondere in Kleinstädten und ländlichen Räumen, wo rund 70 Prozent der künftigen Wärmenachfrage anfallen. Mit einem möglichen Marktanteil von 9 Prozent würden sie das bestehende Fernwärmeangebot signifikant ergänzen.

Damit dieses Potenzial erschlossen werden kann, braucht es jedoch geeignete regulatorische Rahmenbedingungen. Bestehende Förderinstrumente wie die BEW sollten so ausgestaltet sein, dass auch kleinere, genossenschaftlich organisierte Projekte unbürokratisch Zugang erhalten. Die kommunale Wärmeplanung bietet einen idealen Anknüpfungspunkt, um Potenzialgebiete für Wärmenetzgemeinschaften frühzeitig zu identifizieren und deren Gründung aktiv zu begleiten. Angesichts des hohen Investitionsbedarfs sind passgenaue Finanzierungsmodelle notwendig, etwa Bürgschaftsprogramme, Fonds oder erleichterte Kreditvergabe für genossenschaftliche Träger. Beratungsangebote, Leitfäden und Netzwerke können die Gründung und den Betrieb von Wärmenetzgemeinschaften erleichtern und professionalisieren.

Die Studie zeigt zusammenfassend: Das Potenzial für Wärmenetzgemeinschaften ist da, die Bereitschaft in der Bevölkerung ebenfalls. 

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