Projekt

Potenziale eines Wandels zu einer Industrial Collaborative Economy – Grundzüge einer kollaborativen Wirtschaftsform in der Industrie (WICE)

In Deutschland etabliert sich eine neue Tauschkultur. Diese hat zur Entstehung neuer kommerzieller und nicht-kommerzieller Angebote in den Bereichen »Business-to-Consumer« (B2C) und »Consumer-to-Consumer« (C2C) geführt, die auf innovativen Konsum- und Eigentumsmodellen gründen. Als nächste Stufe einer auf Tausch basierenden Wirtschaftsform wird die Erschließung des »Business-to-Business (B2B)«-Bereichs bzw. der Industrie angesehen. Neue Nutzungs- und Eigentumsmodelle sind in der Lage, als Triebfeder einer sogenannten »Industrial Collaborative Economy« zu agieren.

Solche neuartigen, dienstleistungsorientierten Konzepte, wie bspw. Formen des Contracting, Betreiberkonzepte, Chemikalienleasing oder Maschinen-Mietkonzepte, werden als Treiber für Wachstum, Innovation und Nachhaltigkeit für industrielle Betriebe und somit auch für die Gesamtwirtschaft gesehen. Bisher sind diese Konzepte jedoch nur in geringem Maße verbreitet. Durch die Digitalisierung der Industrie besteht jedoch große Hoffnung, dass innovative Nutzungs- und Eigentumsmodelle einen Aufschwung erfahren und in den kommenden Jahren stärker und schneller diffundieren.

Vorhabensziel des Projekts »WICE« ist es, die Voraussetzungen eines Wandels zur Industrial Collaborative Economy zu analysieren, dessen Wirkungen hinsichtlich politischer und gesellschaftlicher Ziele zu bewerten und eine Grundlage für innovationspolitische Maßnahmen zu schaffen, um den potenziellen Wandel durch geeignete Rahmenbedingungen zu unterstützen.

Um die Grundzüge einer solchen kollaborativen Wirtschaftsform zu erarbeiten, werden zunächst die hierfür als relevant erachteten Theorien miteinander verknüpft, um neue Konzepte und Grundlagen dieser auf Tausch basierenden Wirtschaftsform zu erarbeiten. Auf Basis qualitativer und quantitativer empirischer Analysen werden Chancen und Risiken des Wandels sowie die derzeitige und zukünftige Relevanz neuer Nutzungs- und Eigentumsmodelle identifiziert. Letztlich sollen mit diesem Vorgehen Handlungsoptionen für innovationspolitische Maßnahmen aufgezeigt werden, um den Wandel gezielt gestalten zu können, um Potenziale zu heben und nicht-intendierte Folgen zu vermeiden und so eine positive Gesamtentwicklung (Reindustrialisierung, kollaborative Wertschöpfung, Tauschkultur) zu unterstützen.

Im ersten Projektabschnitt wurde eine Typologie entwickelt, in der die grundsätzlichen Ausprägungsformen der industriell-kollaborativen Wirtschaft eingeordnet sind. Um industriell-kollaborative Wertschöpfungsformen vom klassischen Produktionsparadigma einerseits und von der Sharing Economy andererseits abzugrenzen, sind Kriterien aufzustellen, die zu einem einheitlichen Verständnis hinführen sollen und zur Systematisierung der verschiedenen Formen und Konzepte. Diese Kriterien lassen sich maßgeblich aus der Literatur zu Product Services Systems (PSS) nach Tukker (2004)  ableiten (Gandenberger 2016; Lerch et al. 2016).

Ein erstes Schlüsselkriterium stellt der Verbleib des Eigentums beim Produkthersteller dar. Dieser sich anbahnende Paradigmenwechsel, weg von einem eigentumsbasierten Produktverkauf, hin zu garantierten Leistungsangeboten, ist das wohl wichtigste Kriterium für eine auf Tausch basierende, industriell-kollaborative Wirtschaftsform.

Ein weiteres Schlüsselkriterium stellt die Ausschließlichkeit der Nutzung des Produkts dar (siehe Lay et al. 2003). Dabei ist zu unterscheiden, ob der Hersteller die Verfügungsrechte eines Produkts nur an einen Kunden übergibt oder an mehrere Kunden. Nutzen mehrere Kunden ein und dasselbe Investitions- oder Gebrauchsgut, sequentiell oder simultan, so liegt der Fokus per se auf dem Teilen- und Tauschprinzip. Werden die Verfügungsrechte nur an einen Kunden übergeben, liegt kein Tauschen oder Teilen im eigentlichen Sinne vor. Verbleibt allerdings das Eigentum beim Hersteller, der dem Kunden einen Zugang zum Produkt garantiert, betreiben Kunde und Produzent eine kollaborative Form der Wertschöpfung. Daher wird dieser Fall auch zur industriell-kollaborativen Wertschöpfung gezählt.

Weiterhin sollte im Rahmen einer neu aufkommenden Tauschkultur in der Industrie auch unterschieden werden, ob Intermediäre mit eingebunden sind.

Auf Basis der Schlüsselkriterien lässt sich eine Typologie zur Systematisierung verschiedener industriell-kollaborativer Wirtschaftsformen erstellen. Diese sind zwischen den beiden extremen Ausprägungsformen, dem traditionellen Produktionsparadigma einerseits und der Sharing Economy andererseits verortet. Das traditionelle Produktionsparadigma ist geprägt durch einen Eigentumsübergang vom Produkthersteller an den Kunden, der das Produkt ausschließlich und alleine nutzt. Im Gegensatz dazu ist in der Sharing Economy im C2C-Bereich der Produkthersteller nicht mehr in die Transaktion einbezogen. Das Eigentum des Produkts liegt dann entweder bei Intermediären oder sogar bei den Konsumenten. Die dabei generierte Wertschöpfung wird nicht mehr dem industriellen Sektor, sondern dem Dienstleistungssektor zugerechnet.

Die industriell-kollaborativer Wirtschaft besteht aus unterschiedlichen Subformen, die sich durch diverse Anbieter-Kunden-Konstellationen ergeben und als Kontinuum zwischen beiden extremen Ausprägungsformen zu verstehen sind. Das Maß der kollaborativen Wertschöpfung nimmt dabei von links nach rechts zu. Innerhalb der verschiedenen Ausprägungsformen sind die sechs relevanten Archetypen angesiedelt, diese gestalten die verschiedenen Subformen konkret aus. Zu den relevanten PSS-Archetypen zählen:

  • Leasing: Das Eigentum verbleibt beim Hersteller, der Kunde darf das Investitions- oder Gebrauchsgut gegen eine Leasinggebühr nutzen. Nach Ende des Leasingvertrags geht das Produkt wieder an den Hersteller zurück.

  • Sharing: Der Hersteller ist weiterhin Eigentümer des Produkts, stellt dieses aber den Kunden gegen eine Gebühr zur Nutzung zur Verfügung. Das Produkt wird dabei sequentiell von mehreren Kunden genutzt

  • Pooling: Grundsätzlich mit dem Sharing vergleichbar, allerdings erhalten Kunden simultanen Zugang zum Produkt.

  • Outsourcing: Hierbei wird eine bestimmte Leistung vom Kunden an den Produzenten ausgelagert, der Hersteller wird dafür vergütet. Hierzu zählen Geschäftsaktivitäten, die meist jenseits des Kerngeschäfts durchgeführt werden.

  • Funktionsmanagement: Der Hersteller wird für die Erfüllung eines bestimmten Kundenbedarfs bezahlt, wobei er völlige Freiheit hat, wie er diesen deckt. Der Hersteller übernimmt die Verantwortung über ein technologisches System und wird für die Sicherstellung und Erbringung eines bestimmten Funktionslevels bezahlt.

  • Pay per Service Unit: In diesem Fall kauft der Kunde nicht mehr das ursprüngliche Produkt, sondern lediglich den Output des Produkts.

Die PSS 1-3 werden auch als nutzungsorientierten PSS beschrieben und befinden sich oberhalb der gestrichelten Linie. Die PSS 4-5 zählen zu den ergebnisorientierten PSS und stehen unter der gestrichelten Linie.

WICE: Beschreibung der Typologie (Quelle: Lerch et al. 2016)
© Fraunhofer ISI

WICE: Beschreibung der Typologie (Quelle: Lerch et al. 2016)

Level I beschreibt die Transaktion zwischen einem Anbieter und einem Kunden, wobei kein Eigentumsübergang erfolgt, sondern ein vertragliches Leistungsversprechen gegeben wird. Hierzu gehören die PSS-Typen Leasing (1.), Outsourcing (4.), Pay per Service Unit (6.) und das Funktionsmanagement (5.). Zwar erfüllt diese Stufe bereits die Anforderungen der industriell-kollaborativen Wertschöpfung, die Tauschkultur ist jedoch nur in geringem Maße ausgeprägt.

Auf Level II interagiert dann ein Anbieter mit mehreren Kunden. Das Eigentum verbleibt auch hier beim Hersteller, den Kunden wird ein Zugang zum Produkt gewährt. Zu dieser Stufe gehören die PSS-Typen Sharing (2.), Pooling (3.) und Pay per Service Unit (6.). Pay per Service Unit kann sowohl für einen, als auch für mehrere Kunden erfolgen, und taucht daher in beiden Ausprägungsformen auf. Hierunter fällt beispielsweise die Form des Be­treiberkonzepts, das ausschließlich einem Kunden angeboten oder auch für mehrere Kunden genutzt werden kann. Die Kultur des Tauschens und Teilens ist in dieser Stufe bereits deutlich ausgeprägter als in Level I.

Level III beinhaltet die gleichen PSS wie der zweite Level. Allerdings kommen hier die Intermediäre als neue Akteure hinzu, die durch Matching-, Monitoring- und Enforce­ment-Leistungen industriell-kolaborative Wirtschaftsformen ermöglichen. Diese nehmen eine gesonderte Rolle ein, da sie weder bei der Herstellung, noch bei der Nutzung des eigentlichen Produkts involviert sind. Die Tauschkultur erreicht in dieser Stufe im industriellen Kontext ihr Maximum.

Quellen:

  • Gandenberger, C. (2016): Divide et Impera? – Theoretische Perspektiven auf die Collaborative Economy. Working Paper S 01/2016
  • Lay, G.; Meier, H; Schramm, J.; Werding, A. (2003): Betreiben statt verkaufen. Stand und Perspektiven neuer Geschäftsmodelle für den Maschinen- und Anlagenbau. Industrie-Management, 19 (4), 9-14.
  • Lerch, C.; Gandenberger, C.; Meyer N.; Gotsch, M. (2016): Zwischen traditionellem Produktionsparadigma und Sharing Economy – Grundzüge einer industriell-kollaborativen Wirtschaftsform. DIW  Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung. Heft 3/2016 (im Erscheinen).
  • Tukker, A. (2004): Eight types of product-service system: Eight ways to sustainability? Experiences from SusProNet. Business Strategy and the Environment, 13 (4), 246-260.

Publikationen

Laufzeit

9.2015-8.2017

Auftraggeber

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Innovations- und Technikanalyse (ITA)