Oberleitungs-LKW in Alpenländern: Welche Chancen und Herausforderungen gibt es?

23. April 2020

Im Projekt eWayBW, in dem das Fraunhofer ISI die wissenschaftliche Begleitforschung koordiniert, wird ein Feldversuch durchgeführt, bei dem elektrische Antriebe für schwere Nutzfahrzeuge auf baden-württembergischen Bundesfernstraßen getestet werden. Ein kürzlich im Projekt durchgeführter Workshop mit Vertreterinnen und Vertretern aus verschiedenen Alpenländern und weiteren europäischen Ländern zeigte, dass die Oberleitungstechnologie dort zwar bislang eine eher untergeordnete Rolle spielt, aber etliche Chancen wie geringere Schadstoffemissionen, bessere Klimabilanz oder Wirtschaftlichkeit bietet.

Im schweren Straßengüterverkehr gibt es derzeit eine Reihe vielversprechender alternativer Antriebe und Kraftstofftechnologien: Neben Oberleitungs- und Wasserstoff-Lkw könnten auch batteriebetriebene Lkw oder solche mit synthetischen Kraftstoffen in Zukunft auf den Straßen unterwegs sein. Winfried Hermann MdL, Minister für Verkehr in Baden-Württemberg, hebt die Bedeutung der Erforschung aller Möglichkeiten hervor, die helfen, Emissionen einzusparen: »Es ist dringend notwendig, gerade im Straßengüterverkehr den CO2-Ausstoß deutlich zu senken. Mit Blick auf den weiteren Anstieg des Güterverkehrsaufkommens brauchen wir neben der Schiene auch eine Zunahme an klimafreundlichen Verkehr auf der Straße. Umso wichtiger sind funktionierende Alternativen zum bisher dominierenden Diesel-Lkw. Dem Projekt eWayBW kommt hierbei eine entscheidende Bedeutung zu.«

Vor diesem Hintergrund erläutert Prof. Dr. Martin Wietschel vom Fraunhofer ISI: »Im Projekt eWayBW führten wir kürzlich einen Workshop durch, dessen Ziel darin bestand, praktische Erfahrungen aus den Pilottestrecken von Oberleitungs-Lkw in Deutschland vorzustellen und zu diskutieren sowie Chancen und Herausforderungen dieser Technologie für Alpenländer herauszuarbeiten«.

Aus Sicht der Workshop-Teilnehmerinnen und -teilnehmer ist für die Zukunft davon auszugehen, dass sich nur eine der neuen Technologien durchsetzen wird. Dies liegt zum einen am begrenzten Bestand von ca. 200.000 schweren Lkw in Deutschland, aber auch an der limitierten Anzahl von Lkw-Anbietern. Hinzu kommen hohe anfallende Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) sowie beim Aufbau von Produktionsstätten und Infrastrukturen. Dabei dürfte erst in zwei bis vier Jahren klar sein, auf welche der neuen Technologien es hinausläuft – Lösungen im schweren Straßengüterverkehr werden aber zeitnah benötigt, damit die Klimaschutzziele im Straßenverkehr der EU und in Deutschland erreicht werden können und weil der Aufbau der notwendigen Infrastruktur Zeit braucht.

Erfolg durch gemeinsames Handeln, Standardisierung und Harmonisierung

Auf dem Workshop waren sich die Expertinnen und Experten darin einig, dass ein Erfolg der Oberleitungstechnologie nur durch ein gemeinsames Handeln vieler europäischer Staaten, idealerweise abgestimmt durch die EU, erreicht werden kann. Maßgeblich für den Erfolg sind eine frühzeitige Standardisierung und Harmonisierung. Auch die soziale Akzeptanz der Technologie ist wichtig für ihre Verbreitung: So zeigten erste Feldversuche in Deutschland und Schweden, dass Anwohnerinnen und Anwohner einer Teststrecke so früh wie möglich einbezogen werden sollten. Der Bevölkerung sollten dabei die Vorteile der Oberleitungstechnologie vor Augen geführt und eventuell fehlendes Wissen vermittelt werden, weil dies zu einer mangelnden Akzeptanz führen könnte.

Insbesondere in der Schweiz und in Österreich, wo der Schienengüterverkehr traditionell eine sehr hohe Bedeutung hat, soll durch einen weiteren Infrastrukturausbau noch mehr Güterverkehr auf die Schiene verlagert werden. Laut der beim Workshop anwesenden Expertinnen und Experten aus diesen Ländern spielt der Ausbau von sogenannten »Alpenkorridoren« für Oberleitungs-Lkw in politischen Diskussionen daher nur eine untergeordnete Rolle.

Geringere Schadstoffemissionen und weniger Lärmbelastung

Wenngleich die Oberleitungstechnologie in den Alpenländern aufgrund von beengten Platzverhältnissen und baulichen Anforderungen auf etliche Herausforderungen stößt, bringt sie auch eine Reihe von Chancen mit sich, die sich insbesondere positiv auf die lokalen Schadstoffemissionen und die Lärmbelastung auswirken könnten: Denn die engen Raumverhältnisse, die topographischen sowie meteorologischen Gegebenheiten verstärken die Wirkung von Lärm- und Schadstoffemissionsquellen. So können Lkw mit Verbrennungsmotor im Alpenraum eine bis zu dreimal höhere Schadstoffkonzentration – verglichen mit Fahrten im Flachland – verursachen. Durch Oberleitungs-Lkw ließen sich diese deutlich reduzieren.

Auf dem Workshop wurde zudem auf die deutlich bessere Klimabilanz der Oberleitungs-Lkw hingewiesen, die sich vor allem auf den Einsatz Erneuerbarer Energien zurückführen lässt: So tragen in den Alpenländern Wasserkraftwerke maßgeblich zur Stromerzeugung bei. Sollten dort künftig verstärkt Oberleitungs-LKW eingesetzt werden, könnten sie auf diesen sauberen Strom zurückgreifen.

Das Projekt eWayBW wird von Bundesumweltministerium gefördert und vom Ministerium Verkehr Baden-Württemberg geleitet.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI analysiert Entstehung und Auswirkungen von Innovationen. Wir erforschen die kurz- und langfristigen Entwicklungen von Innovationsprozessen und die gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien und Dienstleistungen. Auf dieser Grundlage stellen wir unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Handlungsempfehlungen und Perspektiven für wichtige Entscheidungen zur Verfügung. Unsere Expertise liegt in der fundierten wissenschaftlichen Kompetenz sowie einem interdisziplinären und systemischen Forschungsansatz.