Finanzierung von Wärmenetzen: Perspektive der Banken

von Anna Billerbeck und Barbara Breitschopf /

Wärmenetze sind ein zentraler Baustein der Wärmewende – ihre Finanzierung ist jedoch eine Herausforderung. Unter welchen Bedingungen sind Banken bereit, Wärmenetze zu finanzieren? Wissenschaftler:innen des Fraunhofer ISI (Anna Billerbeck, Barbara Breitschopf, Markus Fritz, Jan Frederick George) und der Hochschule für Technik Stuttgart (Jakob Kubin, Tobias Popovic) haben eine Online-Umfrage unter Banken durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, wo Banken die größten Risiken und Chancen bei der Wärmenetzfinanzierung sehen: Zu den zentralen Risiken zählen unsichere Erlöse und eine schwierige Bewertbarkeit der Projekte, Chancen liegen vor allem in langfristig planbaren Geschäftsmodellen. Entscheidend ist, Risiken zu reduzieren, Einnahmen abzusichern und verlässliche Rahmenbedingungen für alle Beteiligten zu schaffen.

Hoher Investitionsbedarf für den Ausbau von Wärmenetzen

Wärmenetze können wesentlich dazu beitragen, die Klimaneutralität im Wärmesektor zu erreichen: Bis 2045 könnten sie rund ein Drittel aller Wohnungen in Deutschland versorgen (vgl. Agora Energiewende, 2024). Dafür ist jedoch ein deutlicher Ausbau von Wärmenetzen erforderlich, womit hohe Investitionen verbunden sind: Untersuchungen gehen davon aus, dass das Investitionsvolumen im Jahr 2030 etwa dem Dreifachen des heutigen Niveaus entspräche (vgl. Thamling et al. 2020).

Für viele Akteure wie Kommunen, kommunale Stadtwerke oder Energieversorger sind die notwendigen Investitionen in Wärmenetze eine große Herausforderung, die oft ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt. Gleichzeitig sind Banken bei der Finanzierung von Wärmenetzprojekten zurückhaltend, da es sich um langfristige, kapitalintensive Infrastrukturvorhaben mit komplexen Risikoprofilen handelt.

Eine Vielzahl an Studien hat sich mit der Finanzierung der Wärmewende auseinandergesetzt, etwa hinsichtlich des Investitionsbedarfs oder der Eigenkapitalausstattung beteiligter Akteure (vgl. Agora Energiewende, 2024; BDEW, VKU, Deloitte, 2023; GEODE, 2024). Die Perspektive der finanzierenden Banken wurde jedoch bislang nicht systematisch untersucht. Ziel der Kurzstudie des Fraunhofer ISI und der HFT Stuttgart ist, diese Lücke zu schließen und einen Einblick in die Praxis der Wärmenetzfinanzierung aus Bankensicht zu geben.

Online-Umfrage unter Banken

Die Ergebnisse der Kurzstudie basieren auf einer Online-Umfrage mit 48 Teilnehmenden von Sparkassen, Geschäftsbanken, Förder- und Entwicklungsbanken sowie Volks- und Raiffeisenbanken. Im Mittelpunkt der Befragung standen die Einschätzungen der Teilnehmenden zum Risikoprofil der Finanzierung von Wärmenetzen, zur gegenwärtigen Finanzierungtätigkeit sowie zu Herausforderungen und positiven Faktoren, um die Finanzierung im Bereich der Wärmenetze zu stärken.

Die Teilnahme an der anonymen Umfrage war von März bis Juni 2026 möglich. Da theoretisch mehrere Vertreter:innen pro Bank teilnehmen konnten, handelt es sich nicht zwingend um 48 verschiedene Banken. Die Umfrage erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität im Bankensektor, dennoch liefert die Teilnehmendenzahl eine erste empirische Grundlage für eine Auswertung der Einschätzungen und Finanzierungspraktiken bei Banken.

© Fraunhofer ISI, HFT Stuttgart
Abbildung 1: Ergebnisse der Frage »Wie relevant sind für Sie die folgenden Risikofaktoren bei der Finanzierung von Wärmenetzen?« (m = Mittelwert der Einschätzungen)

Risiken bei der Finanzierung von Wärmenetzen

58 Prozent der Teilnehmenden haben in der Umfrage angegeben, dass sie das Risiko bei der Wärmenetzfinanzierung im Vergleich zur Stromnetzfinanzierung als höher oder deutlich höher einschätzen. Im Detail stuften 21 Teilnehmende das Risiko als höher und 7 als deutlich höher ein. Im Vergleich dazu schätzte niemand das Risiko als deutlich niedriger ein, wohingegen 4 Befragte es als niedriger bewerteten. 16 Teilnehmende schätzen das Risiko als gleich hoch ein.

Darüber hinaus wurden Risikofaktoren bei der Finanzierung von Wärmenetzen abgefragt (vgl. Abbildung 1): Die Teilnehmenden bewerteten Markt- und Erlösrisiken als am relevantesten. Diese Risiken ergeben sich durch Veränderungen der Marktbedingungen und umfassen unerwartete Einnahmeausfälle, zum Beispiel durch geringere Absatzmengen, zu niedrige Preise oder Zahlungsausfälle der Kunden. Technische Risiken hingegen stuften sie im Durchschnitt als weniger relevant ein, Kosten- und Genehmigungsrisiken liegen im Mittelfeld.

Finanzierungsbedingungen von Wärmenetzen

Die Umfrage beinhaltete zudem Fragen zu den marktüblichen Finanzierungsmerkmalen von Wärmenetzen. Das typische Finanzierungsvolumen liegt laut Angaben der Teilnehmenden bei Bestandsnetzen zwischen 0,5 und 250 Millionen Euro. Neubauprojekte von Wärmenetzen weisen mit einem typischen Finanzierungsvolumen von 2,5 bis 500 Millionen Euro  tendenziell höhere Volumina auf. Die großen Spannweiten veranschaulichen die Heterogenität der Projekte: von kleinen, teilweise genossenschaftlichen Wärmenetzen bis hin zu umfassenden Großbauprojekten.

Auch bei den Kreditlaufzeiten zeigen sich Unterschiede zwischen Bestandsnetzen und Neubauprojekten: Zwar liegt die Spannweite in beiden Fällen bei 10 bis 30 Jahren, durchschnittlich werden für Bestandsnetze jedoch geringere Kreditlaufzeiten angegeben als für Neubauprojekte. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den geforderten Eigenkapital-Quoten: Bei Bestandsnetzen reicht die Spannweite der Angaben von 8 bis 30 Prozent, bei Neubauprojekten von 8 bis 50 Prozent, was sich durch das höhere Risikoprofil erklären lässt. Im Durchschnitt über alle Angaben liegt die geforderte Eigenkapital-Quote bei Bestandsnetzen unter der von Neubauprojekten.

Die Ergebnisse zeigen, dass aus Sicht der Banken der Neubau von Wärmenetzen mit höheren Anforderungen an die Finanzierung verbunden ist als Investitionen in bestehende Netze. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse, dass die Spannweiten innerhalb beider Projektarten erheblich sind, was die große Vielfalt und Heterogenität von Wärmenetzprojekten widerspiegelt.

© Fraunhofer ISI, HFT Stuttgart
Abbildung 2: Ergebnisse der Frage »Welche Faktoren können zu einer günstigen Finanzierung bei Wärmenetzprojekten beitragen (bzw. haben einen positiven Effekt)?« (m = Mittelwert der Einschätzungen)

Positive Faktoren für die Finanzierung von Wärmenetzen

Die Umfrage beinhaltete zudem Fragen zu Faktoren, die aus Sicht der Teilnehmenden zu einer günstigeren beziehungsweise besseren Finanzierung von Wärmenetzen beitragen können. Abbildung 2 zeigt, dass die Teilnehmenden Förderprogramme, langfristige Wärmelieferverträge sowie eine Beteiligung der Kommune mit Eigenkapital als besonders förderlich bewerteten. 

Zudem betonten die Teilnehmenden, dass die Finanzierung von Wärmenetzen insbesondere dann erleichtert wird, wenn verlässliche Förder- und Regulierungsbedingungen, gesicherte Abnahme und eigenständig tragfähige Cashflows, ausreichende Eigenkapital- und Haftungsstrukturen sowie eine klare organisatorische und wirtschaftliche Projektstruktur zusammenkommen. Für eigenständig tragfähige Cashflows ist laut den Teilnehmenden eine klare wirtschaftliche Trennung zwischen Wärmenetzen und defizitären Unternehmensbereichen entscheidend. Entscheidend sind damit vor allem solche Hebel, die Risiken reduzieren, Erlöse absichern, die Bewertbarkeit der Projekte verbessern und langfristige Planungssicherheit für alle beteiligten Akteure schaffen.

Politische Maßnahmen zur Verbesserung der Finanzierung von Wärmenetzen

Die Umfrage schloss mit einer Frage zu politischen Maßnahmen, die die Wärmenetzfinanzierung erleichtern. Mehrere Teilnehmende betonten, dass die Finanzierung durch eine höhere Verlässlichkeit bei der bestehenden staatlichen Förderung verbessert werden könnte. Darüber hinaus wiesen sie mehrfach auf die Bedeutung schneller und verlässlicher Planungs- und Genehmigungsverfahren hin.

Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Rolle der öffentlichen Hand bei der Risikoübernahme: Genannt wurden unter anderem staatliche Garantien, Bürgschaften, Haftungsübernahmen sowie Haftungsfonds auf Ebene von Bund oder Ländern. Auch eine stärkere Beteiligung der öffentlichen Hand, etwa über Zuwendungen an Kommunen, die an Projektträger weitergereicht werden können, wurde als hilfreich angesehen.

Schlussfolgerungen und Handlungsbedarf

Die Kurzstudie zeigt, dass aus Sicht der Banken vielfältige und heterogene Hürden für die Finanzierung von Wärmenetzen bestehen. Die Wahrnehmung erhöhter Risiken gegenüber anderen Netzinfrastrukturfinanzierungen, insbesondere im Bereich der Markt- und Erlösrisiken, ist eine zentrale Herausforderung.

Gleichzeitig identifiziert die Kurzstudie konkrete Hebel, mit denen sich die Finanzierungsbedingungen für Wärmenetzprojekte deutlich verbessern lassen: An erster Stelle stehen verlässliche und langfristig angelegte Förderprogramme. Sie schaffen Planungssicherheit über die verschiedenen Projektphasen hinweg und reduzieren das Risiko, dass sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen kurzfristig ändern.

Ebenso wichtig sind langfristige Wärme- und Lieferverträge mit belastbaren Abnahmeverpflichtungen. Sie sichern erwartete Einnahmen ab, verringern Absatzrisiken und erhöhen damit die Kalkulierbarkeit der Projekte aus Sicht von Banken und anderen Kapitalgebern. Je besser Erlöse und Zahlungsströme über die Laufzeit planbar sind, desto eher können Banken eine Finanzierung zu tragfähigen Konditionen bereitstellen.

Eine stärkere Einbindung der öffentlichen Hand kann zusätzlich dazu beitragen, projektspezifische Risiken gezielt abzufedern. Staatliche Bürgschaften oder Garantien können Risiken teilweise übernehmen. Dadurch sinkt das Risiko für private Finanzierer, während sich gleichzeitig die Rendite-Risiko-Relation und gegebenenfalls auch die Finanzierungskonditionen verbessern.

Die Ergebnisse legen zusammenfassend nahe, dass insbesondere das Zusammenspiel aus planungssicheren Rahmenbedingungen, einer fairen Risikoteilung zwischen öffentlichen und privaten Akteuren sowie erfahrenen Projektpartnern die Investitionstätigkeit im Bereich der Wärmenetze substanziell stärken kann. Ergänzend können klare regulatorische Vorgaben, standardisierte Vertrags- und Bewertungsgrundlagen sowie eine frühzeitige Einbindung finanzierender Banken dazu beitragen, Wärmenetzprojekte besser bewertbar und damit leichter finanzierbar zu machen.

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