Projekt

Fraunhofer-Institut für
System- und Innovationsforschung ISI

Personalisierte Medizin im Gesundheitssystem der Zukunft - Diskursprojekt

Der wissenschaftliche und medizinische Fortschritt lässt eine personalisierte Medizin in Zukunft als realistisch erscheinen. Eine solche Personalisierung in der Medizin strebt die Früherkennung eines individuellen Sets an krankheitsfördernden Einflussfaktoren, individuell maßgeschneiderte, d. h. wirkungsvolle und nebenwirkungsarme Präventions- bzw. Therapieoptionen, sowie das Monitoring des Behandlungs- oder Krankheitsverlaufs bei gleichzeitiger Vermeidung unnötiger Kosten an. Verfahren oder Technologien, wie beispielsweise Gentests, könnten künftig verstärkt in der Früherkennung eingesetzt werden. Sie haben mitsamt ihrer sozialen, rechtlichen und ethischen Implikationen, sowohl in Form von Chancen, als auch Risiken seit längerem zu Diskussionen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft geführt. Welche Entwicklungen erwünscht oder unerwünscht sind, hängt von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Daher ist es notwendig, die Personalisierung mit all ihren Implikationen nicht isoliert, sondern vor dem Hintergrund unterschiedlicher gesamtgesellschaftlicher Kontexte zu diskutieren.

Ziel des Projektes ist es, einen Beitrag zur Förderung eines reflektierten Dialogs über das Zukunftsthema „Personalisierte Medizin“ zu leisten, in den die junge Generation einbezogen wird.

Methodisch wird das Projekt die Weiterentwicklung partizipativer Verfahren unterstützen. Ziel ist es, die Erfolgsfaktoren eines solchen Prozesses herauszuarbeiten.

Schritt 1:
Themenfindung: Um aussagekräftige Ergebnisse entwickeln zu können, wurde das Thema konkretisiert. Dazu wurden Gespräche mit verschiedenen Experten und Praktikern geführt und einschlägige Studien herangezogen.

Schritt 2:
Konzeption, Durchführung und Evaluation eines Szenario-Prozesses
Im Rahmen des Projektes „Personalisierte Medizin im Gesundheitssystem der Zukunft“ wurden vier zweitägige moderierte Szenario-Workshops mit 22 Mitgliedern des Europäischen Jugendparlaments - begleitet von Fachexperten - durchgeführt. Zum ersten Mal wurde die Szenario-Methode zu einem komplexen Thema für die Zielgruppe junger Erwachsener konzipiert und erfolgreich angewendet. In Anlehnung an die Kreativitätstechnik des morphologischen Tableaus (Götz, 2006) wurde ein Ansatz entwickelt, der einen inkrementellen Aufbau plausibler und in sich konsistenter Szenarien ermöglicht. Als neues Element wurde der Schritt der „Beschreibung der Bewertungskriterien (Werte)“ im Szenario-Prozess anhand der Laddering-Technik verankert. Der Prozess wurde durch folgende Fragen geleitet:

  • Wie könnte die personalisierte Medizin in Zukunft ausgestaltet sein? Welche Rolle könnte sie im Gesundheitssystem der Zukunft spielen, wovon hängt dies ab, was ist plausibel?
  • Welche sozialen, rechtlichen und ethischen Fragen werfen verschiedene Zukunftspfade auf und wie werden die Szenarien in ihren Implikationen bewertet? Welche Kriterien werden zur Bewertung herangezogen?
  • Was muss heute bereits angestoßen werden, um Chancen, die sich mit der personalisierten Medizin eröffnen, zu nutzen und zu verstärken, Risiken aber zu minimieren oder zu vermeiden?
In einer detaillierten Einflussanalyse wurden 24 Faktoren (driving forces) identifiziert, die die Zukunft einer personalisierten medizinischen Versorgung von Demenzerkrankungen im deutschen Gesundheitssystem beeinflussen und in Faktor-Essays (Definition, Ist-Zustand, Projektion) charakterisiert. Es wurden vier Zukunftsszenarien entwickelt:

  1. Medizinische Erfolge durch forschungsorientierte Gesellschaft
  2. Personalisierte Medizin im paternalistisch geprägten Gesundheitssystem
  3. Chance durch Vielfalt? Ein freier Markt für die personalisierte Medizin
  4. Skepsis gegenüber personalisierter Medizin
Die Bewertung jedes der vier Zukunftsszenarien zur „Medizin nach Maß“ zeigt, dass eine der wesentlichen Chancen einer personalisierten Medizin in der Möglichkeit zur frühzeitigen Identifizierung von Risikopersonen und damit zur Prävention gesehen wird. Risiken liegen vor allem in der Medikalisierung von Risikopatienten und in der Schwierigkeit, den Zugang zu Leistungen solcher Innovationen für alle zu gewährleisten. Die Entwicklung wissenschaftlich-fortschrittlicher Technologien, Diagnose- und Therapieoptionen gepaart mit einer hohen Qualität der Leistungserbringung setzt nicht nur gute Bedingungen für Innovationen voraus, sondern macht zugleich weitreichende Maßnahmen zur Gewährleistung informationeller Selbstbestimmung und Autonomie in gesundheitsbezogenen Entscheidungen erforderlich.

Schritt 3:
Zukunftstagung: Auf einer Zukunftstagung mit ca. 150 führenden Repräsentanten aus den Sektoren Forschungs- und Gesundheitspolitik, Wissenschaft und Wirtschaft sowie Nicht-Regierungsorganisationen wurden die Ergebnisse vorgestellt und mit einem hochrangig besetzten Podium diskutiert.

Die Evaluation des Szenario-Prozesses legt nahe, dass für ein Laien-Experten-Szenario die Qualitätssicherung durch die kontinuierliche Begleitung seitens der Experten sowie die Erstellung von Arbeitspapieren als Input ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist.

Das Projekt wurde im Rahmen der Fördermaßnahme des BMBF „Diskursprojekte zu ethischen, rechtlichen und sozialen Fragen in den modernen Lebenswissenschaften“ gefördert.
 
Status:
Abgeschlossenes Projekt (2/2009)

Auftraggeber:
BMBF

Partner:
Publikationen:
Zukunftstagung "Medizin der Zukunft: maßgeschneidert. Ist die Gesellschaft bereit?" am 22.11.2008 in Berlin
 
Abschlussbericht "Personalisierte Medizin im Gesundheitssystem der Zukunft" (5/2009)