Projekt
Fraunhofer-Institut für
System- und Innovationsforschung ISI
FuE-Pipeline in den Life Sciences
Automatische Selektionsverfahren auf der Basis statistischer Parameter haben sich als adäquaten Einstieg für die Identifizierung und Vorselektion der Wachstumsfelder erwiesen. Die Eignung dieses Ansatzes zeigt sich insbesondere darin, dass während der gesamten Analyse keinerlei Artefakte aufgetreten sind.
Bei der genaueren Betrachtung der Ergebnisse des automatischen Selektionsverfahrens zeigt sich, dass die verschiedenen Auswahlschritte im Ergebnis zu einer relativ präzisen Bestimmung dynamischer Felder führen, also zu einer Auswahl auf niedrigem Aggregationsniveau. Die Analyse zeigt, dass hinter großen Trends wie z. B. Hirnforschung, viele einzelne Forschungsansätze liegen, von denen nur wenige als aussichtsreiche Forschungslinien qualifiziert werden können.
Die Verwendung des automatischen Selektionsverfahrens ist allerdings an die Existenz geeigneter Datenbanken gebunden, wobei derzeit noch offen ist, ob hier bei der momentan wichtigsten Datenbank für diese Analysen (PASCAL) eine ausreichende Transparenz des Klassifikationsverfahrens erreicht werden kann. Mittelfristig werden Textmining-Verfahren eine größere Bedeutung gewinnen, die sich zurzeit noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden.
Die genauere Beschreibung der Entwicklung in den einzelnen Feldern sowie die Selektion besonders aussichtsreicher Felder kann jedoch nicht allein auf der Basis automatischer Verfahren erfolgen. Vielmehr müssen diese um qualitative inhaltliche Analysen ergänzt werden, die externes Expertenwissen mit einbeziehen. Als Beispiel für die Bedeutung dieses kombinierten Ansatzes kann auf das Feld Bioinformatik hingewiesen werden. Allein auf der Basis von Patentanmeldungen würde man eine sehr geringe Anwendungsrelevanz vermuten. Die qualitative Analyse zeigt jedoch sehr wohl, dass vielfältige wirtschaftlich relevante Aktivitäten mit dem Feld verbunden sind. Hier dürfte die begrenzte Patentierbarkeit von Software eine Rolle spielen. Durch die Befragung von Experten lassen sich insbesondere auch strukturelle Änderungen ermitteln. So hat sich beispielsweise gezeigt, dass in den letzten Jahren eine Umorientierung der Geschäftsmodelle erfolgt ist. Während das klassische reine Bioinformatikunternehmen heute nur noch selten anzutreffen ist, haben sich inzwischen integrierte Unternehmen entwickelt, die Bioinformatikansätze mit anwendungsorientierten Arbeiten kombinieren.
Ein zentrales inhaltliches Ergebnis der Analyse ist die hohe internationale Beachtung deutscher Publikationen in den ausgewählten Feldern. Dies steht im Gegensatz zur Situation der Biotechnologie und Medizin insgesamt, in denen Deutschland gemessen an Zitatquoten nur leicht über dem Weltdurchschnitt und deutlich unter dem US-Wert liegt. In den ausgewählten Wachstumsfeldern wird dagegen durchgehend ein deutlich höheres Niveau als der Weltdurchschnitt erreicht und in vielen Feldern sind die Zitierungsquoten vergleichbar mit denen der USA. Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass eine gewisse Fokussierung der Forschungsexzellenz in Deutschland auf Wachstumsfelder erfolgt ist, die dann auch zu qualitativ hochwertigen Ergebnissen führen kann.
In fast allen analysierten Wachstumsfeldern können inzwischen erhebliche Patentierungsaktivitäten beobachtet werden. Die teilweise jahrzehntelangen Forschungsaktivitäten zahlen sich offensichtlich jetzt aus, indem Umsetzungsrelevanz aus der Grundlagenforschung erreicht wurde. Allerdings zeigen Analysen der Wissenschafts- und Technikentwicklung in anderen Feldern, dass diese Erkenntnis nicht dazu verleiten sollte, jetzt einen einseitigen Fokus auf Anwendungsorientierung zu legen. Vielmehr ist gerade in wissensintensiven Feldern auch im Anwendungsstadium eine intensive Wechselwirkung zwischen anwendungsrelevantem und grundlegendem Erkenntnisgewinn erforderlich. Wissenschafts- und Technikentwicklung verlaufen interaktiv.
Die intensivste Umsetzungsorientierung ist in denjenigen Bereichen zu beobachten, wo es um die Entwicklung medikamentöser Ansätze für komplexe Krankheitsbilder geht. Interessanterweise finden sich in diesen Feldern auch verstärkte Gründungsaktivitäten. Im Gegensatz hierzu ist das Feld Hirnforschung erst noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Umsetzungsrelevanz im Sinne von Produktentwicklungen dürfte erst in fünf bis zehn Jahren wichtiger werden. Der gewählte Untersuchungsansatz, der zunächst von Wachstumsraten in der Wissenschaft ausgeht, identifiziert somit Felder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Grundsätzlich ist bei wissensintensiven Technologien von Entwicklungszyklen auszugehen, die mehrere Dekaden umfassen können, wie es sich auch für viele andere Felder zeigt. Die biotechnologische Analyse von komplexen Krankheitsbildern, die bereits in den 70er-Jahren begonnen hat, wie etwa das Beispiel der Leukämie illustriert, führt, wie die Patentanalysen zeigen, erst jetzt zu einer relevanten Umsetzung in Medikamente auf biotechnologischer Basis. In der Hirn-forschung ist von einer ähnlichen Entwicklung auszugehen, wobei aktuell mit einem ersten Boom in der Wissenschaft die Grundlagen für Anwendungen gelegt werden, die voraussichtlich erst in zehn bis fünfzehn Jahren zu einem Boom der Anwendung führen werden.
Da in der aktuellen Situation die internationale Wettbewerbsfähigkeit von avancierten Industrieländern gerade von wissensintensiven Technologien bestimmt wird, wird sich die Innovationspolitik verstärkt mit geeigneten Instrumenten auseinandersetzen müssen, die sehr lange Entwicklungszyklen in Rechnung stellen. Die zu hoch gesteckten Erwartungen auf kurzfristig erreichbare Anwendungen können hier zu falschen Signalen führen.
Status:
Abgeschlossenes Projekt (05/2005-06/2006)
Auftraggeber:
- BMBF
- PT Jülich
Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW), Mannheim
Publikationen:
Reiß, T.; Schmoch, U.; Schubert, T.; Rammer, C.; Heneric, O. (2007): Aussichtsreiche Zukunftsfelder der Biotechnologie. Neue Ansätze der Technologievorausschau. Stuttgart: Fraunhofer IRB, 86 S.