Projekt

Fraunhofer-Institut für
System- und Innovationsforschung ISI

Innovationsreport „Technischer Fortschritt im Gesundheitswesen: Quelle für Kostensteigerungen oder Chance für Kostensenkungen?“

Die Gesundheitswirtschaft ist mit über einem Zehntel des Bruttoinlandprodukts eine der bedeutendsten Branchen in Deutschland und wird aufgrund ihrer Innovationskraft und hohen Anzahl an Beschäftigen als Wachstums- und Beschäftigungsträger gesehen. Lange wurde das Gesundheitssystem allerdings primär als Kostenfaktor im Solidarsystem wahrgenommen, was langsam einer gesamtheitlicheren Sicht des Gesundheitssystem als eigenständigem Wirtschaftszweig weicht, z.B. im Sinne von guter Gesundheit als Investition, gesamtwirtschaftlichem Nutzen und dem Gesundheitssystem als Innovationssystem, zunehmend auch im Rahmen internationaler Wettbewerbsfähigkeit.

Technischer Fortschritt in der Medizin hat im vergangenen Jahrhundert zu einer Verdopplung der Lebenserwartung geführt. Kostenträger und Politiker gehen in der Regel davon aus, dass neben demographischen Entwicklungen technische Neuerungen hauptsächlich zu einem Anstieg der Gesundheitsausgaben führen. Dies wird meist mit der erwarteten Mengenausweitung begründet, da neue Diagnostik- und Therapieverfahren zusätzlich zu den bereits vorhandenen eingesetzt werden, ohne dass die älteren Verfahren gleichzeitig in großem Umfang aus dem Verkehr gezogen würden. Die Identifikation veralteter medizinischer Verfahren als Kandidaten für die Löschung aus den Leistungskatalogen wird erst in der jüngsten Zeit unter dem Stichwort des „Disinvestment“ diskutiert.

Die mit technischem Fortschritt einhergehende erhöhte Lebenserwartung der Bevölkerung erzeugt gleichzeitig auch weiteren Bedarf für solchen Fortschritt und trägt zu seiner Finanzierung bei.

Doch bieten die derzeitig geltenden Erstattungsregeln der gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen stärkere Anreize für kostenverursachende als für kostensparende Innovationen, da erbrachte Leistungen anstatt erzielter Erfolge vergolten werden. Dies hat zur Folge, dass der technische Fortschritt sich nicht durch seine eigenen Effizienzsteigerungen oder die oben genannten „Einnahmen“ finanzieren kann. Weiter können durch technischen Fortschritt Krankheiten durch andere Krankheiten abgelöst werden (z.B. viele der heutigen Alzheimer-Erkrankten wären früher an inzwischen behandelbaren koronaren Herzerkrankungen verstorben, da diesen Krankheiten die gleiche genetische Disposition zugrunde liegt), und insbesondere im höheren Lebensalter wird durch technischen Fortschritt häufig kein allgemeiner Zustand der Gesundheit erreicht. Diese Gründe tragen unter anderem dazu bei, dass manche der aus anderen Wirtschaftszweigen bekannten Konzepte (z.B. bezüglich der Einnahmen und Ausgaben) in der Gesundheitswirtschaft nicht direkt angewendet werden können.

Hinzu kommt, dass die neuen Verfahren oft zu einem höheren Preis angeboten werden als die bisherigen Standardverfahren, was einerseits in den höheren Herstellungs- und Anwendungskosten für die aufwändigeren Technologien begründet sein kann, andererseits aber auch in der freieren Preisgestaltung der Hersteller für patentgeschützte Produkte.

Aus anderen Wirtschaftsbereichen, etwa bei Heimcomputern, ist jedoch zumindest teilweise auch der umgekehrte Effekt bekannt. Neue Technologien werden – häufig nach einer hochpreisigen Einführungsphase – wegen einer höheren Effizienz bei der Herstellung und Anwendung, wachsenden Stückzahlen und anderer Faktoren kostengünstiger als das Vorläuferprodukt angeboten, oder aber sie gewinnen bei konstantem Preisrahmen an Leistung. Es stellt sich die Frage, ob oder inwieweit dieser Effekt auch im Gesundheitsbereich zum Tragen kommt, bzw. an welchen Stellen im Gesundheitssystem der technische Fortschritt nicht nur zu Kostensteigerungen, sondern auch zu Kostensenkungen führen kann.

Daraus ergeben sich folgende Fragen, die im Mittelpunkt des Projekts stehen sollen:

  • Welche finanziellen Konsequenzen, Herausforderungen und Möglichkeiten ergeben sich aus dem technischen Fortschritt in der gesundheitlichen Versorgung, insbesondere für die gesetzliche Krankenversicherung?
  • Durch welche neuen technischen Möglichkeiten ist ein Kostenanstieg zu erwarten und wo sind Kostensenkungen möglich?
  • Sind die existierenden und erwarteten Kostensteigerungen auf den technischen Fortschritt zurückzuführen oder auf andere Effekte?
  • Welche Arten des technischen Fortschritts versprechen den größten volkswirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Nutzen?


Im stark regulierten Gesundheitsmarkt kommen zu den marktlichen Mechanismen anderer Sektoren noch die Regulierung, insbesondere der Marktzulassung, Aufnahme in den Leistungskatalog der Krankenkassen, Steuerung der Verbreitung neuer Verfahren in Krankenhäusern zur Anwendung, sowie im ambulanten Sektor durch die Selbstverwaltung, berufsfachliche Mechanismen im Sinn der evidenzbasierten Medizin (v. a. Kosten-Nutzen-Bewertung im Rahmen des Health Technology Assessment und klinische Leitlinien für die Ärzteschaft) und andere Einflüsse hinzu, welche die finanziellen Konsequenzen des technischen Fortschritts (Netto-Einsparungen oder Mehrausgaben) mit bestimmen.
In diesem Projekt sollten deshalb insbesondere folgende Aspekte analysiert werden:

  • Herstellungskosten
  • Marktzulassung und Marktzugang
  • Prozesse der Preisfindung
  • Diffusion und Verbreitung der Technologie sowie deren Steuerung durch Regulierung, Selbstverwaltung, Berufsverbände, Patienten und andere Interessengruppen
  • Anwendungskosten
  • Nachfrage nach Innovationen im Gesundheitsbereich
  • Mengenausweitung oder Substitution älterer Produkte
  • Kosten-Nutzen-Relation im Vergleich zum Vorläuferprodukt


Status:
laufend (01.11.2010-31.01.2012)

Auftraggeber:
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB; http://www.tab-beim-bundestag.de); Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgen-Abschätzung

Partner:
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Publikationen:           
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