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Fraunhofer-Institut für
System- und Innovationsforschung ISI

Zukunftsszenarien zur Ressourceneffizienz im Jahr 2030: "Grüne neue Welt" oder "Nach uns die Sintflut"?

Presseinformation 04.08.2014

Im kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt "Molecular Sorting" untersuchten sieben Fraunhofer-Institute, wie sich durch Recyclingprozesse bis auf die molekulare Ebene die Ressourceneffizienz in der Zukunft verbessern lässt. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat für das Projekt drei Szenarien entworfen, die von unterschiedlichen Entwicklungen im Bereich der Ressourceneffizienz ausgehen und Unternehmen die Potenziale, Chancen und Risiken zukünftiger Recyclingtechnologien aufzeigen. Neben der Zukunftsfähigkeit von Technologien setzen sich die Szenarien auch mit dem künftigen Umgang mit Roh- und Werkstoffen sowie möglichen Umwelteffekten auseinander.

"Grüne neue Welt", "Weiter wie gehabt" und "Nach uns die Sintflut" – unter diesen Titeln sind die vom Fraunhofer ISI entwickelten Zukunftsszenarien zusammengefasst, die sich mit der Ressourceneffizienz im Jahr 2030 und den hieraus erwachsenden ökologischen, wirtschaftlichen und technologischen Konsequenzen befassen. Die Zukunftsbilder sind Bestandteil des Projekts "Molecular Sorting", welches die sieben Fraunhofer-Institute ISI, IBP, ICT, IGB, IKTS, ISC und WKI gemeinsam im Rahmen des Forschungsprogramms der Fraunhofer-Gesellschaft "Märkte von übermorgen" durchführten. Dabei untersuchten sie insbesondere die Wieder- und Weiterverwertung von Werkstoffen wie Glas, Altholz, Metallsalzlösungen oder heißen Gasen durch leistungsfähige Trennprozesse und entwickelten neue Methoden, welche die zukünftige Ressourceneffizienz steigern können.

Dr. Björn Moller, der für die Zukunftsszenarien verantwortliche Projektleiter am Fraunhofer ISI, beschreibt die wissenschaftliche Vorgehensweise wie folgt: "Bevor mithilfe der Szenario-Methode plausible Zukunftseinschätzungen zur Ressourceneffizienz gegeben werden konnten, galt es aus über 70 Studien zunächst wichtige Faktoren abzuleiten, die einen Einfluss auf heutige und zukünftige Recycling-Prozesse haben könnten. Aus einer Vielzahl an identifizierten Faktoren wählten Experten etwa 20 besonders relevante wie die gesellschaftlichen und politischen Werte im Hinblick auf Nachhaltigkeit aus. In speziellen Szenario-Workshops wurden dann Annahmen über die zukünftige Entwicklung dieser Faktoren getroffen und die Gründe hierfür erläutert." Auf Basis dieser Zukunftsannahmen konzipierten die Wissenschaftler des Fraunhofer ISI gemeinsam mit den Fachexperten drei in sich konsistente Szenarien: ein positives, ein neutrales sowie ein negatives Zukunftsbild als Beschreibung des künftigen Umfelds der Ressourceneffizienz. Ziel war dabei, die Entwicklungen bis 2030 so gut und umfassend wie möglich abzubilden, da diese zur Einschätzung der Potenziale künftiger Recycling-Technologien dienen.

Das ideale Szenario "Grüne neue Welt" geht davon aus, dass Nachhaltigkeit im Jahre 2030 fest im Bewusstsein der Menschen und Unternehmen verankert ist. Die industrielle Produktion zeichnet sich durch hohe technologische Standards aus, die Energie und Rohstoffe einsparen. Aufgrund gestiegener Rohstoffpreise werden Altglas oder Altmetalle in den Produktionskreislauf zurückgeführt und ausgediente Werkstoffe wie Holzabfälle oder Klärschlamm zur Energieerzeugung genutzt. Dadurch erhöht sich im Jahre 2030 der Anteil Erneuerbarer Energien gegenüber fossilen Energieträgern auf über ein Drittel und verhilft der EU zu einer gewissen Rohstoffautarkie. Die nachhaltige Forstwirtschaft trägt zur vermehrten Nutzung von Holz als regenerative Energiequelle bei. Da Nachhaltigkeit aktiv gelebt wird, sind auch die Bedingungen für Forschung und Entwicklung äußerst günstig.

Ein völlig konträres Zukunftsbild zeichnet das "katastrophale" Szenario "Nach uns die Sintflut": Ein mangelndes Nachhaltigkeitsbewusstsein führt hier zum verschwenderischen Umgang mit Ressourcen. Die Rohstoffabhängigkeit der EU hat sich dadurch erhöht und Holzimporte nehmen zu. Die Unternehmen orientieren sich vorrangig an ihren Kosten, nicht aber an Umweltschutz oder Ressourcenschonung. Investitionen in nachhaltige Technologien bleiben aus, was die Weiterentwicklung Erneuerbarer Energien hemmt – im Gegensatz zum positiven Szenario kommen hier aus Kostengründen keine Hybridbauteile in Windkraftanlagen zum Einsatz. Der erhöhte Energieverbrauch führt zu Preissteigerungen und Rohstoffengpässen, die vereinzelt die Nutzung alternativer Ressourcen zur Energieerzeugung wie etwa von Heißgasen begünstigen. Jedoch ist hier der Preis und nicht ein hoher Technologiestandard bestimmend.

Das neutrale Szenario "Weiter wie gehabt" greift dagegen Elemente aus beiden Extrem-Szenarien auf und zeichnet ein eher moderates Zukunftsbild. Moller unterstreicht im Zusammenhang mit den Zukunftsszenarien: "Letztlich dienen alle drei Szenarien dazu, Unternehmen die Chancen, Risiken und Potenziale zukünftiger Recyclingtechnologien zur Förderung von Ressourceneffizienz aufzuzeigen und sie auf mögliche Entwicklungen vorzubereiten beziehungsweise diese sogar aktiv zu beeinflussen." Denn neben der frühzeitigen Erkennung von Produkt- und Technologietrends spielt für Unternehmen laut Moller der Umgang mit Energie und knapper werdenden Rohstoffen eine immer wichtigere Rolle für ihre Wettbewerbsfähigkeit – mit dem notwendigen Weitblick können sie ihr Handeln frühzeitig an mögliche Veränderungen anpassen und sind der Konkurrenz im In- und Ausland immer einen Schritt voraus.

Weitere Informationen zu den Szenarien und dem Projekt "Molecular Sorting" finden sich in den beiden Broschüren:

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI analysiert Entstehung und Auswirkungen von Innovationen. Wir erforschen die kurz- und langfristigen Entwicklungen von Innovationsprozessen und die gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien und Dienstleistungen. Auf dieser Grundlage stellen wir unseren Auftraggebern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Handlungsempfehlungen und Perspektiven für wichtige Entscheidungen zur Verfügung. Unsere Expertise liegt in der fundierten wissenschaftlichen Kompetenz sowie einem interdisziplinären und systemischen Forschungsansatz.

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